Warum?

1. Marktsituation und Hintergründe:

Seit Corona kann man fast den Eindruck bekommen, die Haustierhaltung habe in unserer Gesellschaft plötzlich einen viel höheren Stellenwert als zuvor: Zumindest sind die Medien voll mit Tierthemen. Doch der Schein trügt: wie schon immer ist die Beziehung vieler Menschen zu ihren Haustieren eine sehr Einseitige, Egoistische. Zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse nach tierischer Gesellschaft werden die Bedürfnisse und das echte Wohl der Tiere leider oft übergangen. Viele Menschen wollen möglichst junge, süße Welpen um jeden Preis, egal woher sie stammen, egal ob sie eigentlich noch zu ihrer Mama gehören, egal wie die Zuchtverhältnisse sind – all das wird einfach ausgeblendet, nicht hinterfragt. Und so hat auch der illegale Welpenhandel vom Corona-Haustierboom enorm profitiert.

2. Auswirkungen auf unseres und andere Tierheims sowie auf die Hunde:

Das Tierheim München ist das einzige in der Region mit Quarantänestation. Haben wir bereits vor der Pandemie regelmäßig beschlagnahmte Welpen zur Verwahrung und Versorgung von Polizei und Veterinäramt bekommen, so hat sich diese Zahl seit Frühling 2020 nochmal erhöht: Mittlerweile nehmen wir fast jede Woche neue Schützlinge aus dem Ausland auf. Der Zustand der Welpen ist dabei in der Regel sehr pflegeintensiv: Meistens sind die beschlagnahmten Welpen bei Ankunft im Tierheim sehr geschwächt, voller Parasiten wie Würmer, Kokzidien und Giardien - schwere und hartnäckige Durchfallerkrankungen. Oft wurden den Welpen auch im Ursprungsland Ohren und Rute verstümmelt – weil Kunden bestimmter Rassen das offenbar trotz Kupier-Verbot in Deutschland immer noch so wollen oder hinnehmen! Nicht selten haben die Welpen aber auch schwere bis tödliche Krankheiten wie Parvovirose – ein hochansteckendes und tödliches Virus, das wir sehr aufwendig behandeln und isolieren müssen, um unsere anderen Tiere auf Station vor Ansteckung zu schützen! Erst vor kurzem gab es in Bremen sogar einen Tollwutfall!

Aktuell ist unsere Quarantänestation mit 20 Hundewelpen in der Tollwutquarantäne wieder einmal voll ausgelastet. Für die Hundebabies hat das fatale Auswirkungen: Zwar sind sie bei uns gut versorgt, jedoch in der so wichtigen Zeit ihrer Entwicklung, der Präge- und Sozialisierungsphase zwischen der 4. und 12. Lebenswoche sowie der juvenilen Phase bis zum 7. Lebensmonat, völlig isoliert und unterbeschäftigt. In dieser Zeit sollten sie eigentlich Umwelteinflüsse, den Kontakt mit Artgenossen, verschiedenen Menschen und künftige Alltagssituationen kennenlernen. In Quarantäne bleibt ihnen stattdessen im besten Fall nur der Kontakt mit ihren Wurfgeschwistern und unseren HundepflegerInnen. Diese haben aber wegen der großen Zahl der zu versorgenden Hunde nur wenig Zeit für Beschäftigung mit den einzelnen Tieren. Aus diesem Mangel entwickeln die Tiere nicht selten Verhaltensauffälligkeiten, die sich erst im späteren Alltag bei den Neubesitzern zeigen. Am schlimmsten ist die Quarantänezeit für Welpen, die alleine beschlagnahmt wurden, denn aufgrund der Seuchenschutzvorschriften dürfen sie keinen Kontakt zu anderen Hunden haben – eine Katastrophe für so ein kleines, einsames Geschöpf!

3. Gesetzliche Vorschriften zum Schutz vor Tierseuchen:

Ausschlaggebend für die Quarantänedauer ist das genaue Herkunftsland der Welpen bzw. die dafür geltenden Impfvorschriften – konkret geht es dabei um die Tollwutimpfung: Diese kann erst ab der 12. Lebenswoche vorgenommen werden, dann müssen weitere 3 Wochen vergehen, bis der Titer bestimmt werden kann – also bis festgestellt werden kann, ob die Impfung erfolgreich war und im Hundekörper ausreichend Antikörper für die Immunisierung gebildet wurden.

Dementsprechend müssen Welpen aus dem EU-Ausland mind. 15 Wochen alt sein, um die Einfuhrbestimmungen überhaupt erfüllen zu können. Sind sie jünger, haben die erforderliche Impfung aber schon erhalten, müssen sie nur die restliche Zeit bis zur Titerbestimmung bei uns in Quarantäne absitzen. Haben sie aber noch gar keine Impfung erhalten oder ist der Impfpass nach amtstierärztlicher Einschätzung gefälscht, wird der ganze Prozess von vorne begonnen. Es gibt außerdem Drittländer, sog. „nicht gelistete Länder“, in denen die Tollwutgefahr als noch größer gilt, darunter Serbien und die Türkei. Bei Hunden aus diesen Ländern werden auf die 15 Wochen noch drei Monate Wartezeit draufgeschlagen, die die Welpen in Tollwutquarantäne verbringen müssen – das bedeutet für die Tiere monatelange Isolation!

4. Weitere Odyssee wie es mit den Welpen weitergeht:

Wir als Tierheim sind in Bezug auf beschlagnahmte Tiere nur Verwahrstelle für das Veterinäramt und müssen uns den Entscheidungen der Behörde beugen. Nicht immer werden die Welpen vom Amt zur Vermittlung freigegeben, sodass wir nach der Quarantäne selbst ein fürsorgliches, verantwortungsvolles Zuhause für die Hunde suchen können. In vielen Fällen müssen wir die Welpen nach ihrer Quarantänezeit, nachdem wir sie mühsam wieder aufgepäppelt haben, an die Händler, die rechtmäßigen Eigentümer wieder aushändigen – in eine ungewisse Zukunft. Da blutet uns jedes Mal das Herz! Die Händler müssen dann lediglich ein Bußgeld sowie die Quarantänekosten bezahlen und können weiter ihren grausamen Handel treiben - so lange wie der Rubel rollt. Die finanziellen Einbußen durch Bußgeld und Quarantäne werden von den Händlern dabei oft einfach über den Verkaufspreis wieder reingeholt – kein geschäftlicher Schaden, kein Ende der Qual.

Doch wir möchten hier gar nicht den Veterinärämtern die Schuld geben, auch diese haben einen Vollzug und ein festes Regelwerk vom Gesetzgeber, an das sie sich halten müssen und nachdem sie Strafen/Maßnahmen verhängen dürfen. Auch den AmtstierärztInnen sind durch ein zu lasches Gesetz die Hände gebunden!

5. Unsere Forderungen:

Was wir dringend brauchen, sind deshalb nicht nur Aufklärung bei den Menschen, sondern vor allem deutlich strengere Gesetze und härtere Strafen für den illegalen Handel mit Tieren! Tiere sollten wie sonstige illegale Schmuggelware grundsätzlich einbehalten werden, damit sich der Handel für die Welpenmafia nicht mehr lohnt!

Wir Tierschützer machen auf diese Missstände bereits seit ca. 10 Jahren aufmerksam und es ist noch immer nichts passiert! Hier hat die Große Koalition in der zurückliegenden Legislaturperiode auf ganzer Linie versagt und wir können nur hoffen, dass die neue Regierung endlich zur Tat schreitet!

Eins steht fest: Wir werden weiter dranbleiben, öffentlichen Druck erzeugen und uns für die Opfer dieses grausamen Geschäftes, nämlich die Tiere, einsetzen!

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