Landwirte dürfen bald Narkosen an Schweinen durchführen

Die Sache dürfte als beschlossen gelten – auch der Bundesrat hat der Ferkelbetäubungssachkundeverordnung zugestimmt. Bisher war die Durchführung von Narkosen nur Tierärzten vorbehalten. Nun soll eine zwölfstündige Fortbildung zum Erreichen der Sachkunde genügen, möglicherweise sogar nur online – das wird noch geprüft. Zum Erreichen der Sachkunde, die in diesen Stunden vermittelt wird, müssen Tierärzte jahrelang studieren. Und das, obwohl es ausreichende Alternativen gibt wie z. B. das Schlachten vor der Geschlechtsreife oder die Immunokastration (chemische Kastration).

Die Immunokastration ähnelt einer Impfung, der Körper bildet Antikörper gegen seine eigenen Hormone. Klare Vorteile für die Tiere: Kein Stress durch die Operation, keine Wunde und keine Schmerzen nach der Operation. Für den Verzehr des Fleisches unbedenklich (man sollte sich das Medikament auf keinen Fall selber injizieren, vor allem wenn man schwanger ist).  Aber „irgendwas mit Hormonen“ – das könnte manche Verbraucher vielleicht davon abhalten, Schweinefleisch zu kaufen. Wenn man sich jedoch genauer informiert hätte, würde man feststellen, dass das Fleisch nach der Immunokastration sogar weniger Hormone enthält. Trotzdem fürchtet die Fleischindustrie um seine Gewinne. Man sollte sich jedoch bewusst machen, dass in einem Liter Kuhmilch von Natur aus 0,13 Mikrogramm Östron, 0,02 Mikrogramm Östradiol und 10 Mikrogramm Progesteron enthalten sind. Dies ist ein erheblicher Anteil, der von einem Erwachsenen täglich aufgenommenen Gesamtmenge an Östrogenen (ca. 60 %) und Progesteronen (ca. 80 %). 

Kuhmilch ist also in großen Mengen gesundheitlich gesehen nicht unbedenklich. Aber auch das hält die Verbraucher nicht wirklich davon ab, Milchprodukte zu kaufen. In Großbritannien beispielsweise wird traditionell größtenteils (99 Prozent) Ebermast durchgeführt, es geht also – wenn man will. In Deutschland will man es aber anders. Sonst, so die Befürchtungen, sind die Ferkelerzeuger nicht mehr wettbewerbsfähig, werden pleitegehen, ein beliebtes Argument gegen die meisten Verbesserungsvorschläge in Hinsicht auf den Tierschutz in der Landwirtschaft. Wenn es dann schon unbedingt eine chirurgische Kastration sein soll, wieso soll dies nicht von einem Tierarzt durchgeführt werden?

Würden z. B. die Narkosen von Tierärzten ausgeführt werden, wäre das 2,82 Euro pro Ferkel teurer. Einmal kurz zum Nachrechnen: Ein Schwein wiegt bei der Schlachtung ca. 100 kg, die Schlachtausbeute sollte dann mindestens 70 kg sein (= 70 kg / 2,82 €). Das würde 4 Cent pro Kilo mehr für den Endverbraucher bedeuten, würde man die Kosten auf das Fleisch umlegen. Eine Preiserhöhung, die dem deutschen Verbraucher natürlich nicht zuzumuten ist.

Die vielen Proteste auch seitens der Tierärzteschaft haben nichts genützt. Wir Deutschen sind da etwas zwiegespalten. Klimaschutz ja – auf Fleisch, SUV und Fernreisen verzichten? Lieber nicht. Tierschutz ja, aber es darf uns nicht wirklich etwas kosten. Das zeigen zumindest die Statistiken. Dass die neue Verordnung einen Rechtsbruch von bisherigen Vorschriften bedeuten wird, wen kümmert es. Rund 20 Millionen männliche Schweine werden in Deutschland jährlich kastriert. Was kann aber passieren, wenn das nicht sachgemäß durchgeführt wird – denn ständig vor Ort kontrollieren kann es keiner. Wenn eine Narkosemaske nicht vorschriftsgemäß aufgesetzt wird, ist keine ausreichende Schmerzausschaltung da, das bedeutet, das Ferkel wird dann ohne Betäubung kastriert. Zudem gelangt das ökologisch nicht unbedenkliche Narkosegas in die Atmosphäre – unter anderem hat das Narkosegas ein 510 Mal so starkes Treibhauspotenzial wie Kohlendioxid.

Wenn es während der Narkose Komplikationen gibt, tja dann wird es schwierig, denn die Medikamente zur Gegenregulation, die ein Tierarzt bei der Durchführung von Narkosen parat hat (und für deren fachkundige Anwendung er jahrelang studieren musste) hat ein Landwirt nicht. Ist ein Ferkel auch nicht wert. Hauptsache, das Fleisch ist und bleibt billig. Billigfleisch um jeden Preis? Wie steht es denn überhaupt mit der Schweinehaltung, hat sich in den letzten Jahren etwas verbessert?

Das Schwanzkupieren ist eigentlich seit langem verboten und nur im Ausnahmefall erlaubt. Jedoch wird, aufgrund nicht artgerechter Haltung und des daraus resultierenden Schwanzbeißens, weiterhin ohne Narkose der Schwanz abgeschnitten. Mehr Platz? Nicht wirklich. Die Haltungsbedingungen für Schweine sind in Deutschland nicht tiergerecht. Schweine sind unheimlich intelligente, soziale und neugierige Tiere. Sie sind viel schlauer als Hunde, so die Wissenschaft. Schweine schnitten sogar bei Videospielen besser als manche Primaten ab. Dennoch werden sie weiterhin ohne Licht, Luft, Auslauf und Abwechslung gehalten.

Teilweise werden sie so eingepfercht, dass sie sich monatelang nicht einmal umdrehen, sondern nur hinlegen und wieder aufstehen können. Dadurch werden die Schweine früher oder später wahnsinnig – wer würde das nicht. Würde man im Gegenzug seinen Hund wie ein Schwein behandeln, und ihn so im Garten einsperren, würden aufmerksame Nachbarn den Halter sofort anzeigen. Für Schweine soll das aber in Ordnung sein.

Da stellt sich die Frage: Was können wir tun? Kurzfristig gesehen, erst mal gegen die chirurgische Ferkelkastration stimmen auf www.ferkelkastration.lfd-hol ding.com.  Und natürlich überlegen, wen wir das nächste Mal wählen.

Darüber hinaus, die eigenen Gewohnheiten beim Einkaufen hinterfragen:
Was kaufen wir?
Woher kommt es?
Oder sogar: Geht es auch ohne?


Quellen: mobil.bfr.bund.de/de/faq/fragen_und_antworten_zu_ hormonen_in_fleisch_und_milch-190401.html www.bvl.bund.de/DE/05_Tierarzneimittel/05_Fachmeldungen/2016/2016_07_25_Fa_Isofluran-Narkose_ Ferkelkastration.html